Streets of Porto

Ich nehme euch mit durch die Straßen von Porto. Beim Streifzug durch die Stadt habe ich meine Gedanken direkt mitgeschrieben. Einen ganzen Tag lang. 

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Streetphotografie kann ich nicht auf Knopfdruck machen. Oh, "Knopfdruck" ist gut oder?
Es kommt sehr auf meine Verfassung an. Die optimalen Bedingungen sind für mich ausgeschlafen sein, Lust drauf haben und eine innere Ausgeglichenheit. Der kleinste Knatsch mit meiner Frau z.B. lässt meine Nadel flattern. Ein Sensibelchen halt. 
In diesem Sommerurlaub kann ich nicht wirklich richtig abschalten oder mich auf Straßenfotografie einlassen. Es hat familiäre Gründe.

Ich gehe um 10:00 Uhr aus dem Haus. Habe heute den ganzen Tag für mich allein.
Ziellos folge ich den ersten Straßen. Sie führen mich direkt zu einem kleinen Park. Sehr idyllisch, nur locals. Tauben fliegen von einer Ecke zur anderen. Ein großer Springbrunnen.

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Hier gönne ich mir meine erste richtige Tasse Kaffee des Tages. Unglaublich gut hier. So eine  Kaffeemaschine brauche ich für zu Hause

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Mittels Smartphone steuere ich den nächsten Park an. Dabei folge ich nicht den großen Straßen und dem Trubel, sondern begebe mich in die kleinen Gassen. Dort ist es ruhiger und gelassener.Ich mag es sehr, mit den Menschen die ich fotografiere, in Kontakt zu treten. Es dauert nur Minuten da treffe ich Adriano. Er hat mich beim Fotografieren bemerkt und spricht mich an. Er bietet mir Haschisch an. Für ihn ist das Grasrauchen eine Herzensangelegenheit. Es sei wirksam gegen Krebs, sagt er. Seine Augen strahlen Freundlichkeit aus. Natürlich fragt er mich, ob ich 5 Euro für ihn habe.

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Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie umwerfend ich diese tollen Zeichnungen und Graffiti finde? Sie begleiten mich den ganzen Tag.

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Es folgt ein spontaner Besuch beim Friseur. Eine ältere sehr sympathische Dame schneidet mir dann auch noch den Bart. Am Ende bekomme ich noch eine Haarwäsche mit einer kleinen Massage. Es kribbelt am ganzen Körper. Nicht das, was ihr jetzt denkt. Es ist so ein Wellness Ding.

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Ein paar Straßen weiter finde ich eine richtig coole Autowerkstatt. Wieder mal ein gutes Beispiel für eine Bühne ohne Protagonist.
Schade, dass hier kein Dirty Worker am Werk war.
Eine Frau hätte mir natürlich auch gefallen.

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Übrigens hat meine Tochter mich gerade kontaktiert. Ich solle keine Audios mehr über WhatsApp machen. Ich würde mich anhören, wie ein Roboter. Klar, Papa benutzt ja auch immer die Diktierfunktion. Da muss man ordentlich sprechen, damit das funktioniert.

Ich fotografiere spontan eine Gruppe junger Menschen in einem Hauseingang. Eine schöne Szene. Sie trinken etwas, es wird gelacht. Gelassenheit!

Oh mann, Ich denke an Deutschland.

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Es geht sehr schnell. Bedanke mich und gehe weiter. Mache das Bild aber nicht ganz unbemerkt. Keine 50m weiter ruft ein aufgebrachter älterer Herr mir nach. Er will wissen, was ich hier fotografiere. Nach kurzer Erklärung ist das Eis schnell gebrochen. Meine Sichtweise auf den Alltag gefällt ihm und wir gehen friedlich auseinander.

Mittlerweile ist es 14:40 Uhr. Und Leute, ich habe keine Ahnung wo ich bin. Es wird immer menschenleerer und die Gegend sieht schlimmer aus. Teilweise wie „Lost Places“.

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Hier kommt der nächste Park. Nur einheimische, ältere Menschen, Kinder und ein paar Verkaufsstände, herrlich. Ach schade, dass ich nur einen winzigen Teil der Stadt erkunden kann. Ich könnte mir vorstellen, für mehrere Monate mal wegzuziehen. Nach Marseille hatte ich ähnliche Gedanken. Könnte die ganze Zeit hier sitzen bleiben und einfach nur die Leute beobachten. Muss an Lennon denken „Watching The Wheels“

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Überall begegnet mir der Poet Fernando Pessoa

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Es ist 16:00 Uhr ich komme an einem großen Friedhof vorbei. Am Eingang steht eine Gruppe von Menschen um einem gläsernen Wagen mit Sarg. Da habe ich dann doch etwas mehr Respekt.

 Wo hört Dokumentation auf und fängt Intimsphäre an? Diese Grenze schwankt bei mir ständig.  

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16:30 Uhr

Bin jetzt lange durch ein mehr oder weniger uninteressantes Wohngebiet gelaufen. Mein Gott ist das heiß. Mein Schädel brennt. Ich brauche gleich noch mal Pause und ein eiskaltes Getränk.

17:30 Uhr ich bin doch glatt wieder an dem Park von heute morgen angekommen. Ein ganz anderes Szenario. Vier Steintische umgeben von älteren Herren. Sie treffen sich hier zum Karten spielen. Herrlich. Ich reihe mich einfach ein, schaue zu und mache Bilder.

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So langsam bewege ich mich runter zum Touristenviertel. Unterwegs begegne ich einer Gruppe Straßenarbeitern. Sehr freundlich und gut drauf. Nennen sich selbst das „Clean squad“.
Natürlich haben sie mich gefragt, ob ich sie auf einen Wein einlade.

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Ich nehme einen Kaffee zu mir in einem richtig netten Straßencafe. „Bicafé“.  Ich dachte es ist ein Schwulentreff. Nebenan zwei Männer. Sehr tätowiert. Unterhalten sich angeregt und zeigen sich gegenseitig Bilder von Gemüse auf ihren Smartphones. Worüber zum Teufel unterhalten die sich wohl, möchte ich wissen. Als sie gehen wollen, sprach ich sie an. Sie sind Köche.

Ich erreiche den alten Bahnhof von Porto. In der Eingangshalle ein Meer von Kunst aus blauen Fliesen. Diese Dame hier, selbst ein Kunstwerk, fotografiert das Fliesenmeer.

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Der Bahnhof hat ein offenenes Dach und der Blick fällt auf Portos farbenfrohe Häuser. Wunderschön anzusehen.

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Dieser Typ hier dreht kontinuierlich seine immer gleiche Runde hier im Bahnhof. Er schaut im Müll, sammelt Flaschen und muss wohl einfach überleben. Ich beobachte ihn lange. Er bettelt nicht und belästigt niemanden. Vielleicht ist er hier irgendwie zu Hause.

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O. k. so langsam bin ich im Touristenspot angekommen. 820 Fotos hab ich bis jetzt an diesem Tag geschossen. Es ist 20:15 Uhr, meine Augen werden langsam müde. Unten am Wasser treff ich Brigitte. Sie zeichnet die berühmte Brücke  „Ponte Dom Luis“.Wir haben eine nette Unterhaltung. Sie hat schon die halbe Welt bereist  und Künstlerin durch und durch.

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Am Fuße der Brücke ist ein buntes Treiben. Restaurants, Straßenmusiker und Touristen ohne Ende. 

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Ich treffe auf Daniel. Er kommt aus Brasilien, lebt aber hier. Er ist professioneller Fotograf und will heute Abend hier den Blutmond fotografieren. Ich spendiere ihm ein Bier und wir haben einen richtig netten Abend inklusive Musik von Keely Denham.

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Es ist spät und ich mache mich auf den Heimweg. Noch schnell ein Bild von der Brücke. Spektakulär beleuchtet sieht sie abends einfach umwerfend aus. Es zieht mich an wie ein Magnet.

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Ein Mann spricht mich an. „Die Brücke sieht bei Nacht aber auch wunderbar aus“.
Wir schauen uns an und er erkennt das Fragezeichen in meinem Gesicht. Er hat mich im Halbdunkel mit seinem Sohn verwechselt. Alle brechen in Lachen aus. Thomas und sein Sohn Fabian kommen aus Krefeld.

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Auf dem gemeinsamen Rückweg kehren wir noch auf ein Getränk irgendwo ein. Wir quatschen über Fotografie und Gott und die Welt.
Die Welt ist manchmal so klein.

 

Es ist 2:00 Uhr 
Ich falle tot ins Bett