Porträts

  Portraits werden zu einem immer wichtigeren Thema in meiner Fotografie. Immer wieder treffe ich auf Menschen, wo ich sofort den inneren Drang verspüre, sie zu porträtieren. Doch wie macht man das bei Fremden? Vor einigen Jahren hätte ich mich das noch nicht getraut. Es war ein langer Entwicklungsprozess. Dieser entstand durch viele Momente beim Fotografieren auf der Straße und durch spontane Gespräche, die sich dann ergaben. Ich denke, es ist wichtig, wie man den Menschen eingangs begegnet. Der erste Eindruck kann entscheidend sein. Ich versuche stets eine offene positive Haltung einzunehmen, wenn es zu einem Gespräch kommt. Menschen sind zu recht skeptisch, wenn sie jemand heimlich fotografiert und dann wieder verschwindet. Was will dieser Typ? Und warum macht er das?  Ein nettes offenes Gespräch hilft oft. 

 Im Sommer diesen Jahres sah ich in der französischen Stadt Aix en Provence beim Herumstreifen genau so einen Menschen, der mich faszinierte. Ein älterer Herr, typisch französisch. Ein großer Rauschebart und eine ebenso prächtige Frisur. Alles schon nahezu grau. Er saß alleine draußen vor einem Café und ruhte ganz alleine in sich. Ich musste ihn einfach ansprechen.  Ich sprach ihn auf sein außergewöhnliches interessantes Aussehen an. Bin also direkt mit einem Kompliment ins Gespräch gegangen und sofort war das Eis gebrochen. Er sah meine Kamera  und war sofort offen und einverstanden. Ich sagte ihm, er soll ganz locker und er selbst sein. Und mich einfach nicht beachten. Er schloss die Augen, ich zählte von drei an rückwärts. Bei null öffnete er die Augen und bäm: da war es, ein unglaublich natürliches und ausdrucksstarkes Portrait. 

 Und sofort fiel mir der Satz von Sebastiáo Salgado ein:

" Ein Portrait macht man niemals allein. Der andere schenkt es einem " 

 Ich gab ihm eine Visitenkarte und verabschiedete mich. Keine Ahnung, ob er das Foto jemals sehen wird.  

 Ich gab ihm eine Visitenkarte und verabschiedete mich. Keine Ahnung, ob er das Foto jemals sehen wird.  

 Ich möchte euch aber noch eine weitere Person vorstellen. Er lebt auf der Straße. Sein Name ist Peter. 

 Peter ist Hattinger. Er ist hier geboren und lebt seit seiner Jugend auf der Straße. Ich denke, viele werden ihn kennen. Er gehört zum Hattinger Stadtbild dazu.  Ich hatte ihn schon vor ein paar Jahren fotografiert, unbemerkt, am Treidelbrunnen. Da sitzt der oft. Schaut ruhig vor sich hin. Und ist wahrscheinlich eins mit sich selbst. Zumindest hatte ich den Eindruck. 

 Meine Frau und ich wollten ins Kaufland Parkhaus fahren, als sie plötzlich bemerkte  "Ralf, da sitzt er wieder".  Meine Kamera hatte ich natürlich dabei und ich entschloss mich, ihn anzusprechen. Er saß auf einer Bank unter einer alten Lerche, direkt an der Einfahrt zum Busbahnhof. Etwas ängstlich und überrascht hat er mich bemerkt. Auf der Bank neben ihm sitzend, habe ich ihm von meiner fotografischen Intention erzählt. Ein paar Fotos von meiner Website und eine Visitenkarte später hatte ich dann Akzeptanz. Was ich dann die nächsten 2 Stunden ereignete, empfand ich als absolut magisch. 

 Es fing an zu regnen und Peter hatte die Idee, zusammen einen Kaffee zu trinken.  Oh man, ich hatte keinen Pfennig dabei. Ich konnte mich doch von ihm mich einladen lassen. Doch Peter hatte seinen Stolz und entgegnete mir, dass er Sozialstütze bekomme. Er machte seine Hand auf und viele Euro Münzen schauten mich an. Im Café dann entwickelte sich ein intensives Gespräch. Ich stellte fest, wie unglaublich intelligent und belesen er war. Er fragte, ob ich Homér gelesen habe. Einer der frühen griechischen Dichter. Wie auf Knopfdruck zitierte er ohne Punkt und Komma einen ganzen Absatz seines Werkes. Ich war sprachlos. 

 Wir diskutierten das Tagesgeschehen. Er hatte schon die WAZ gelesen. Ich noch nicht. Peter wusste sehr genau Bescheid über aktuelle  Ereignisse und war überhaupt nicht weltfremd.  Seine Ansichten, Beweggründe sich für ein freies Leben zu entscheiden, jenseits unserer materialistischen Welt und unseres täglichen Hamsterrads, hat mich nachhaltig beeindruckt. 

 Er war kein typischer Penner oder Bettler. Er war gut gekleidet und hatte Stil.  Immer einen großen Rucksack dabei mit seinem Zelt, das er jeden Abend an der Ruhr aufbaut. Den Winter verbringt er in unseren warmen Nachbarländern. In Frankreich oder Spanien. Er ist schon ganz schön herumgekommen. 

 Zurück auf der Bank unter der Lerche, schoss ich dann mein Porträt. Und auch hier hatte Salgado mal wieder recht. 

 Was für ein Typ! Was für eine Begegnung! Wie wird man so? Wann ist in seinem Leben die entscheidende Weiche gestellt worden?  Die Antwort auf diese Frage hat mir den Teppich unter den Füßen weggezogen. Peter war unglaublich ehrlich und offen zu mir. Seine Geschichte hat mich tief berührt. 

 Schlussendlich stellt sich mir immer wieder die Frage, warum mache ich das eigentlich. Warum möchte ich diese Menschen auf der Straße fotografieren? Was ist meine Motivation und was treibt mich an?   Es ist nicht die Jagd nach dem perfekten Foto. Technik, Schärfe und Bildrauschen interessiert mich eigentlich nicht. Ich glaube, dass Fotografieren immer was mit der Suche oder der Spiegelung seines Ichs zu tun hat.  Die Erfahrung von Begegnung und Gesprächen ist für mich mehr wert, als das Foto an sich. 

 

 Danke Peter  

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